Montag, 31. Januar 2011

"3:am magazine" interview (deutsch)

vor wenigen tagen hatte ich das vergnügen ein interview für das renommierte "3:am magazine" zu geben. zusätzlich wurden acht visuelle dichtungen präsentiert.
hier geht es zum original in englischer sprache:
www.3ammagazine.com/3am/maintenant-47-anatol-knotek

vorwort von SJ Fowler zum interview mit Anatol Knotek für das 3:am magazine

für diejenigen, die das interview lieber auf deutsch lesen möchten, gibt es hier die übersetzung:

maintenant #47
"undichtung" ein interview von SJ Fowler mit Anatol Knotek für das "3:am magazine"



3:AM: vielleicht mehr als jede andere stadt seit mitte der 1950er jahre, scheint wien im mittelpunkt der "poesie-avantgarde" zu stehen. wie sieht es heutzutage, verglichen mit der vergangenheit aus?

Anatol: tatsächlich blickt wien auf eine lange tradition avantgardistischer kunstströmungen zurück. man denke nur an die künstler der wiener secession, die wiener gruppe der aktionisten, die schule des phantastischen realismus und natürlich die poeten der wiener gruppe.
ich freue mich in einer solch interessanten stadt zu leben und zehre natürlich künstlerisch insofern davon, dass ich beinahe jederzeit die möglichkeit habe eine mich inspirierende ausstellung zu besuchen. im augenblick findet hier beispielsweise die große Ernst Jandl show im wien museum statt.ich denke aber, dass wien sowohl in der experimentellen literatur, als auch in der kunst im allgemeinen, sein internationaler rang schon länger abgelaufen wurde. möglicherweise aber kann ich das insofern nicht akkurat beurteilen, da ich als "einzelgänger" sehr wenig einblick in die "klassische" literatur- oder kunstszene habe.
mein Interesse gilt vornehmlich der visuellen und digitalen Poesie, einem sehr weitläufigen themenbereich, sodass sich, so wie ich das sehe, lokale strömungen nur sehr schwer ausmachen lassen. 

3:AM: wie ist ihre meinung zum "erbe" der wiener gruppe in österreich und in der welt? Jandl, Artmann, Mayröcker, Rühm, Bayer scheinen eine große bedeutung in den kreisen der avantgarde erreicht zu haben, aber was ist ihr tatsächliches vermächtnis?

Anatol:  ich denke, der einfluss der genannten künstler ist nicht zu unterschätzen. es gibt faktisch kaum schulbücher der deutschen sprache ohne einen hinweis auf die wiener gruppe. speziell Ernst Jandl und Gerhard Rühm hatten und haben einen signifikanten einfluss auf meine arbeiten. gerade die verbindung von literatur, musik und bildender kunst ist für mich das vermächtnis dieser gruppe und ist gerade jetzt immer noch ein großer quell meiner inspiration. sie waren "multimedia"-künstler noch bevor dieser begriff erfunden wurde. wenn es um die literaturgeschichte der zweiten hälfte des 20. jahrhunderts geht, kommt man, wohl auch international gesehen, nicht um ihr künstlerisches und literarisches vermächtnis herum.

3:AM: und der wiener aktionismus? wie sieht es mit dem vermächtnis von Nitsch, Mühl, Brus und den anderen aktionisten aus?

Anatol:  auch hier würde ich sagen, dass der wiener aktionismus einen sehr prägenden einfluß auf verschiedene kunstströmungen, aber am ehesten auf die performance- und bildende kunst, des vergangenen jahrhunderts hatte und auch noch hat. 
von den österreichischen bildenden künstlern, möchte ich aber besonders Arnulf Rainer, einen der einflussreichsten maler des informel und Markus Prachensky hervorheben, die besonders auf meine arbeiten "konkrete poesie vs. infomel" einfluss hatten.
man kann generell sagen, dass visuelle eindrücke der bildnerischen kunst mindestens genauso wichtig für mich sind, wie literarische einflüsse aus der experimentellen Szene.

3:AM: eine große anzahl der mitglieder der wiener gruppe und andere konkrete poeten pflegten eine rege zusammenarbeit. Jandls kooperation mit Bob Cobbing in london ist besonders interessant für mich. sie haben ja kürzlich eine zusammenarbeit mit Márton Koppány begonnen. ich frage mich, wie sie einen kreativen austausch dieser art wahrnehmen?

Anatol: die zusammenarbeit mit Márton Kóppany war für mich eine komplett neue erfahrung. ich dachte vorher nie daran, dass für mich eine kooperation dieser art möglich wäre, da ich immer sehr darauf bedacht war, alleine zu arbeiten. doch nun stellte ich fest, dass ich auf eine ganz andere art und weise inspiriert wurde und auch arbeitete. 
die zusammenarbeit der konkreten poeten habe ich natürlich aufmerksam verfolgt und bewundert. generell gesprochen, lasse ich mich aber eher passiv von diesen inspirieren oder beeinflussen.

3:AM: wie begann diese kooperation? wie hat sie sich entwickelt? kannten sie die arbeit von Márton Koppány bereits?

Anatol:  ich kannte die arbeiten von Márton schon seit geraumer zeit. wenn man sich mit visueller dichtung beschäftigt, begegnet man seinem werk sehr oft. vor ein paar monaten veröffentlichte ich mehrere visuelle poesien von ihm auf meinem tumblr-blog und so entstand eine sehr nette e-mail korrespondenz. er fragte mich, ob ich an einer zusammenarbeit interessiert wäre und schickte mir eine (sehr minimalistische arbeit) von ihm. die erste sequenz war von einem gegenseitigen "abtasten" geprägt, doch im laufe der zeit wurde unsere art der kommunikation etwas ganz selbstverständliches, alltägliches. wir sprachen kaum, oder besser gesagt erklärten und interpretierten unsere arbeiten sehr wenig, sondern ließen uns von der visuellen sprache leiten.  Mártons  einzigartiger humor und seine witzige formensprache machten unsere zusammenarbeit zu einem einzigen vergnügen.
momentan legten wir eine kleine pause ein, da Márton zur zeit vorbereitungen für seine "amerika-tournee" trifft, wo er lesungen und workshops in mehreren städten der USA halten wird. wir einigten uns aber schon vor längerem, dass wir unsere gemeinsame arbeit danach wieder aufnehmen werden.

3:AM: sie sind ein vielseitiger künstler und dichter. was verstehen sie unter visueller poesie ? wie hat sich ihre arbeit entwickeln? waren sie schon immer an visueller poesie interessiert?

Anatol:  mein interesse für visuelle poesie begann erst sich relativ spät, vor etwas mehr als zehn jahren, zu entwickeln. in meiner jugend beschäftigte ich mich vornehmlich mit der malerei. meine bilder waren besonders durch einflüsse der künstler des späten 19. und frühen 20 jahrhunderts geprägt. erst später begann ich mit textcollagen und konkreten poesien.
durch ein treffen mit dem österreichischen poeten Peter Daniel und einer reise nach deutschland zu Jürgen Blum und seinem "offenen buch" (konkrete poesien auf mehr als 100 hausfassaden) in hünfeld, erkannte ich die starke faszination der visuellen poesie für mich. fortan arbeitete ich hauptsächlich auf diesem gebiet und begann, noch stark an der bildsprache der gegenständlichen malerei orientiert, bilder zu "schreiben". 
ich war und bin ständig auf der suche nach einer neuen formsprache, einer für mich perfekten kombination von text und bild.
so entstanden "geschriebene bilder""text-objekte""textanimationen""konkrete poesie" und an die typografie angelehnte alphabete - experimente... 
mein ziel ist es ideen auszudrücken, die stark an geschriebene, gesprochene und bildhafte sprache gebunden sind und mich in "stilfragen" so wenig wie möglich einzuschränken.

3:AM: was denken Sie über die aktuellen entwicklungen der konkreten und visuellen poesie? ist es noch immer eine bewegung die ihre besten arbeiten hervorbringt? gibt es eine aktive gemeinschaft oder arbeiten die meisten dichter unabhängig und halten die tradition aufrecht?

Anatol: ich glaube, dass die visuelle poesie nach einem höhenflug in den 50er und 60er jahren bis zum ende des 20. jahrhunderts etwas stagnierte (mit einzelnen ausnahmen), sich nun aber dank des internets wieder eine rege gemeinschaft gebildet hat. da es sich bei "visueller poesie" um einen groben überbegriff handelt, gehen die texte und ausdrucksformen der einzelnen künstler sehr stark auseinander, dennoch glaube ich, dass alle das ziel gemein haben, diese kunstform auf eine neue stufe zu heben.
die neuen chancen der sozialen vernetzung, die kreativen möglichkeiten die der computer und das internet bieten, eröffnen den künstlern und speziell auch den visuellen poeten neue sphären. 
lassen sie mich beispiele der aktuellen entwicklung geben:
anfang des jahres wird ein einzigartiger einblick in arbeiten von etwa 130 weltweit tätigen visuellen poeten in der anthologie "The Last Vispo (1998-2008)" gegeben werden, welche in den USA herauskommen wird. dies ist insofern etwas ganz besonderes, da  auf der einen seite die lektoren Crag Hill und Nico Vassilakis die werke über mehrere jahre hinweg sorgfältig auswählten und da es auf der anderen seite in den letzten jahrzehnten erst die zweite anthologie dieser art sein wird. 
aus eigener erfahrung kann ich sagen, dass durch die neuen medien visuelle poesie international sehr gut angenommen und laufend neu entdeckt wird. meine arbeiten, die im netz entdeckt wurden, erschienen in verschiedenen schulbüchern in deutschland, aber auch in wissenschaftlichen arbeiten in deutschland, amerika und auch polen. erst vor kurzem hatte ich einen netten kontakt mit studenten aus usbekistan, die am goethe-institut meine arbeiten diskutierten. 
künstler, wie der von mir sehr geschätzte, ebenfalls in wien lebende Jörg Piringer, führen die tradition der lautpoesie fort, nun aber auf völlig neuem terrain. Piringer verknüpft digitale-, visuelle-, interaktive- und laut-poesie, transferiert die einzelnen elemente auf den computer und gibt perfomances oder entwirft originelle iPad-spiele.
ich denke, dass es zu einer neuentdeckung, ja geradezu einer renaissance der visuellen poesie kommen könnte und ich bin fest davon überzeugt, dass die potenziale dieser poesieform noch lange nicht ausgeschöpft sein werden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für dieses interessante Interview! Es waren einige neue Namen für mich dabei.
Gute Arbeit!

Herzliche Grüße
Beatrix S.

Anonym hat gesagt…

tres interessant, merci